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Es war nicht immer so...

Ein beliebter Spruch von mir ist "Traumpferde kauft man nicht, Traumpferde macht man sich!"
Unser Anfang:
Advarchen war ein Kauf aus dem Bauch heraus, das Beste, was mir je passiert ist!! Was heute kaum einer vermutet, ist folgendes:  Advarchen hat ziemlich harte Gänge, vor allem der Trab ist gewöhnungsbedürftig! Mittlerweile habe ich das zwar perfektioniert, aber die ersten gemeinsamen Jahre (!!) konnte ich ihn partout nicht aussitzen. War ich gezwungen dazu, zB. im einfachen Reiterwettbewerb oder bei Vereins-dingen wie Weihnachtsreiten, war das Ergebnis eher niederschmetternd... ;-)
Dressur ging Varchen meistens gegen die Hand &  beim Springen parkte er konsequent alles über 50cm. Beim Longieren konnte er nicht vernünftig galoppieren, sprang immer wieder in Kreuzgalopp.
Damals war man ja mit einem Schimmel ein potentieller Außenseiter zwischen den ganzen Warmblütern, mit einem Araberschimmel jedoch ganz gewiss. Und mit einem Araberschimmel mit Unterhals konnte man sich eigentlich nirgends blicken lassen... Sprüche wie "was willst Du eigentlich mit diesem Pferd??" hörte ich öfters. Irgendwann zog ich daraus meine eigene Konsequenz:
Stallwechsel!
Ich brachte Varchen zu einer Freundin, die selbst zwei Norweger und ganz viele Weiden hat. Die folgenden Jahre ritten wir überwiegend am langen Zügel in die Natur,manchmal stundenlang. Unser Reitstil entwickelte sich in Richtung Westernreiten. Wir rückten dichter zusammen & erlernten ganz nebenbei auch das Halsringreiten :-)   Wir unternahmen Wanderritte, Distanzritte und genossen jeden Tag! 
Schmerzen
1998 begann Varchen zu lahmen. Die Odyssee, die darauf folgte, dauerte volle 6 Monate an, in der nacheinander unser "normaler" Tierarzt und dann zwei Fachtierärzte für Pferde durch uns reicher wurden *böses Grinsen*  Varchens Beine wurde untersucht, abgespritzt, geröngt, ultraschallt und wasweißichnochalles.
Diagnose? ....war grauenvoll! Chronische Hufrollenentzündung, chronische Hufknorpelverknöcherung, nur noch bedingt reitbar!! 
Wenn alles gut geht, sagt keiner etwas; passiert aber irgendwas, wussten es plötzlich alle besser!  Die Kommentare, die ich in diesen 6 Monaten so gehört habe, waren echt interessant... außer mir war plötzlich allen total klar, warum mein Pferd Schmerzen hat! Die Meinungen gingen dabei aber witzigerweise stark auseinander, von "Araber kann man halt nicht reiten" über "beim Kauf beschissen" bis hin zu "den hast Du zu früh belastet & kaputt geritten" hörte ich also alle möglichen mehr oder weniger geistreichen Kommentare.
Ich habe mich mal mit einer netten Patientin darüber unterhalten, die ähnliche Erfahrungen  gemacht hat. Sie sagte, interessanterweise ist das aber wohl überall so. Das hat sie vor allem gemerkt, als sie ihr Haus gebaut haben: da waren plötzlich all jene fantastischen Pferdekenner auch ausgezeichnete Bauherren und wussten alles besser...*augenverdreh*
Äh, ja: irgendwann packten wir Varchen ein & fuhren nach Quernheim in die Tierklinik. Dr.Braune, ein erfahrenen Klein- & Großtierarzt,  ließ uns beide an der Hand vortraben, Volten und rückwärts gehen.
Dann stapfte er herüber, klopfte mir auf die Schulter und sagte freundlich jenen Satz, der mein Leben veränderte:
"Mädchen, Dein Pferd  hat Rückenschmerzen, siehst Du das denn nicht?"
Ich glaube, es krachte in dem Moment  laut--das war mein Unterkiefer, der auf den Boden aufschlug. Es fühlte sich zumindest so an!  Einziger Trost: ich war nicht die einzige Person, die das nicht gesehen hatte. Einige studierte Leute und etliche nichtstudierte waren ebenso blind!!! Advar wölbte also den Rücken nicht auf, das Gewebe zwischen den Dornfortsätzen der Wirbel war demzufolge überlastet & hatte sich entzündet. Genannt kissing spines. Ein Röntgenbild (das erste vom Rücken!) bestätigte dies. Noch bevor sich bei mir allzugroße Panik breitmachen konnte, brummte der Doc schon "Ganz ruhig Mädchen, das kriegen wir wieder hin." 
Therapie: longieren.
Der Wert des sinnvollen Longierens zur Aus- und Weiterbildung wird leider immer wieder unterschätzt!! Wie bei einem Youngster musste ich Varchen 3 Monate vorwärts-abwärts longieren, den Rücken zum lockeren Schwingen bringen & die Hinterhand aktivieren. Ich nahm also mein Pferd und marschierte ins nächste Dorf zur Reithalle. Beinah täglich. Naja, ich steckte in der 13, hatte viel frei, offiziell zur Abivorbereitung -- man muss Prioritäten setzen*grins*
Aber wie longiert man so einen Sternengucker? Ich machte mich gründlich schlau und entschied mich für das Gogue: der einzige Hilfszügel, der es das Pferd dazu bringt, den Kopf zu senken & die Nase dabei weiter nach vorne zu strecken, also vor der Senkrechten zu bleiben. Mit dem Gogue kann man das Pferd auch wunderbar über Sprünge schicken.
Erfolg ...es war verblüffend,  schon nach kurzer Zeit lief Varchen deutlich besser, galoppierte auch endlich an der Longe taktrein. Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, bauten wir Stangen ins Training ein und später auch kleine Sprünge, übten neue Stimmkommandos und begannen mit Zirkuslektionen. Nach insgesamt sechs Monaten war mein Blick für den Pferderücken & -hinterhand mehr als verfeinert! Advar hatte endlich eine schöne Oberlinie  bekommen und eine gute Springmanier entwickelt.
...auf ganzer Linie: plötzlich konnte ich mein Pferd aussitzen! Und das Springen machte ihm auch Spaß, es war unglaublich! Stolz präsentierte ich meinen Araber also wieder beim Hallenreiten, der doch glatt von einigen Reiterkollegen nicht wiedererkannt wurde! ("Berit, hast Du ein neues Pferd?" )  ...okay, er war auch heller geworden, aber das haben Schimmel so an sich...!!
Im Herbst 1999 ritten wir endlich wieder aus... :-)